Piraten im Mittelmeer

Wehrturm über der Ankerbucht vor Capraia.

 

Capraia. Über dem Ankerplatz vor Capraia erhebt sich auf einem Felssporn der Torre del Porto. In der Nacht erinnert der Turm an einen angestrahlten Riesenpilz.

Tagsüber nehmen wir einen steinigen Maultierpfad hoch zu dem Bauwerk, das das Tyrrhenische Meer überblickt. Bei schönem Wetter kann man von hier bis nach Elba sehen, aber der Torre del Porto ist kein bloßer Aussichtsturm. Auf die obere Plattform passen sechs Kanonen. Auf einer Infotafel im groben Gemäuer lese ich, dass der Turm 1541 erbaut wurde, um Überfälle durch Piraten und Korsaren zu verhindern.

Torre del Porto.

Vom Hafen weht laute Live-Musik zu uns hoch. Die Inselbewohner und Gäste feiern das Tintenfischfest. Von den Kämpfen, die auf diesem Boden stattfanden, ist nichts mehr zu spüren.

Bis ins 19. Jahrhundert bekriegten sich hier christliche und muslimische Korsaren und überfielen auf beiden Seiten ganze Landstriche. Sie plünderten und zerstörten, was sie in die Finger bekamen, töteten die Bevölkerung oder verkauften sie in die Sklaverei.

Seitens der Osmanen besonders erfolgreich war Dragut Reis, der 1540 Capraia überfiel. Am 6. Juni landete er mit seinen Galeeren, Galeoten und Fusten auf der winzigen Insel und bombardierte das Dorf. Das Kanonenfeuer konnten Zeitzeugen bis nach Bastia auf Korsika hören, schreibt Roberto Moresco auf Visit Capraia. Nach vier Tagen gaben die Capraiesi auf. Dragut verwüstete die Insel und verschleppte die noch lebenden Bewohner, überwiegend Frauen, Greise und Kinder.

Blick vom Fischerhafen auf die Stadtmarina von Porteferraio.

Portoferraio. Auf der Spur der Korsaren segeln wir mit Halbwind weiter nach Elba. Wir machen die Asja in der Marina Cosimo de Medici mitten in Portoferraio fest. Sie erstreckt sich direkt an der Promenade, Spaziergänger schauen den Schiffen ins Cockpit.

Im Museum des Forte Falcone hoch über der Stadt finde ich ein posthum gemaltes Bild von Dragut Reis. Mit seinem blutroten Turban und dem gezwirbelten Schnurrbart sieht er genau so aus, wie man sich einen osmanischen Korsaren vorstellt.

Um 1485 bei Bodrum geboren, arbeitete sich Dragut unter Seefahrern langsam hoch. Ab 1520 segelte er unter Barbarossa und fuhr in der Vorhut der osmanischen Flotte. 1556 wurde er Generalgouverneur von Tripolis. Er galt als grausam, kühn und äußerst tüchtig, schreibt der Historiker Eloy Martín Corrales in der Zeitschrift Studia Historica.

Widersacher: Dragut…

Natürlich machte Dragut auch vor Portoferraio nicht Halt. 1552 hatte er auf Elba schon zwei ältere Festungen zerstört und kam ein Jahr später mit einer 150 Schiffe starken osmanisch-französischen Flotte zurück.

Dass er in Portoferraio nicht durchkam, ist Cosimo I. de Medici zu verdanken. Der Staatsmann hatte hier seit 1548 an seiner Festung gebaut. Im Forte Falcone finde ich die Reproduktion eines Porträts von ihm. Der Maler Bronzino schenkt Cosimos Rüstung mehr Aufmerksamkeit als seinem Gesicht, als wollte er ihn schon damals als großen Protektor darstellen.

… und Cosimo. Napoleon lassen wir heute mal außen vor.

Vor dem Forte Falcone, Porteferraio.

Pirat oder Korsar?


Für die Opfer machte das kaum einen Unterschied, wer sie überfiel, aber rechtlich gab es Nuancen: Das Wort Korsar kommt vom italienischen „corsa“, der Kaperfahrt. Korsaren segelten mit dem Segen eines Herrschers, hatten oft einen Kaperbrief an Bord. Damit durften sie feindliche Schiffe und Küsten angreifen, mussten aber im Gegenzug einen Teil ihrer Beute abgeben.

Dragut fuhr im Dienst des Sultans, so wie sein genuesischer Counterpart, Admiral Andrea Doria, im Dienst von Königen und Kaisern stand. Ihre Galeeren, mit Gefangenen am Ruder, waren schnell und kamen nah an die Küste heran, aber sie taugten kaum für die offene See.

Am Mittelmeer kam es auch auf den Blickwinkel an. Wer für die eine Seite ein ehrbarer Korsar war, galt für seine Gegner als Pirat.

Die Piraten der Karibik dagegen waren überall gesetzlos. Dass sie keine tragfähigen Allianzen schmiedeten, erwies sich langfristig als ein Fehler. Nach und nach verscherzten sie es sich sogar mit den Kolonien, die sie einst geduldet hatten, und hielten sich kürzer als die Korsaren des Mittelmeers: 1718 räumten die Briten ihren wichtigsten Unterschlupf auf den Bahamas und kurz darauf war die große Zeit der Piraterie vorbei.

Wehrturm in Marciana, Elba.

Heute fürchtet kein Mensch auf Capraia mehr irgendwelche feindlichen Galeeren am Horizont. Die dicken Wehrtürme an den Küsten sind jetzt Ausflugsziele mit einem tollen Ausblick.

Nur nachts, wenn der Torre del Porto über dem Ankerplatz leuchtet, kann ich nicht mehr hochsehen, ohne an Dragut und seine Gegner zu denken.

Ankern vor Marciana.

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Levante vs. Asja